Dr. Benedikt Mauer, Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf
Dr. Benedikt Mauer, Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf

Kennen Sie eigentlich das Stadtarchiv? Täglich laufen viele Menschen daran vorbei, ohne zu wissen, welche wichtige Funktion es in der Stadt hat. Was sich hinter dem „Gedächtnis der Stadt“ verbirgt, wird im folgenden Interview vom Leiter des Stadtarchivs, Dr. Benedikt Mauer, erläutert.

H@S: Sie haben hier im Stadtarchiv so viele Dokumente. Doch was passiert mit den geschädigten Sachen?

Mauer: Geschädigte Sachen versuchen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zu restaurieren. Diese erst einmal zu konservieren, ist das Wichtigste. Also wie sieht´s aus mit den klimatischen Bedingungen. Die Archive sind klimatisiert, damit die Materialien gut erhalten bleiben. Das schützt sie vor dem Alterungsprozess. Aber wir erhalten sie im Original und bei wichtigen Unterlagen, die ganz oft nachgeschaut und benutzt werden, fertigen wir Scans an oder verfilmen sie.

H@S: Woher kommen die Dokumente?

Mauer: Also unsere wichtigste Quelle sind die Kolleginnen und Kollegen aus der Stadtverwaltung. Die müssen abliefern, die dürfen theoretisch kein Stück Papier wegschmeißen, ohne uns vorher zu fragen. Von denen kriegen wir jedes Jahr in unterschiedlichen Abständen und Rhythmen die sogenannten Ablieferungen. Darüber hinaus, gehen wir aktiv auf Personen, auf Vereine und auf Verbände zu, die uns ihr Archiv anbieten. Beispiele dafür wären: Jemand verkauft sein Haus oder ein naher Verwandter stirbt und man stellt fest: Mensch, das sind aber interessante Dinge zur Düsseldorfer Stadtgeschichte in schriftlicher Form. Wenn sich die Familie in dem Sinne nicht dafür interessiert oder man denkt, das ist hier besser aufgehoben, dann passiert es, das ist im letzten Jahr passiert und in diesem Jahr auch, dass Leute auf uns zukommen.

H@S: Haben Sie hier vor Ort Werke von Heine?

Mauer: Klar. Es ist so, als das Heine-Institut gegründet wurde, ging man auf viele andere Archive auch in der Stadt zu und schaute, was habt ihr denn? Und so sind einige Stücke aus dem Stadtarchiv auch ins Heine-Institut gewandert. Das würde man heute so nicht mehr machen, da man damit die Sachen aus ihrem Zusammenhang herausreißt. Aber wir haben natürlich aus der Heine-Zeit selbst recht viel. Das heißt, wenn man zu Heine forschen will, also speziell zur Heine-Familie in Düsseldorf, dann findet man hier auch Unterlagen. Das ist klar.

H@S: Dann kann ja jetzt eigentlich jeder hierher kommen, um sich Sachen anzuschauen und zu recherchieren.

Mauer: Absolut. Viele Leute denken, ein Stadtarchiv sei eine geschlossene Einrichtung und nur für die Verwaltung an sich gedacht. Das stimmt nicht. Wir sind ein offenes Haus und haben pro Jahr um die 2000 Besucher, die hierher kommen, manchmal angemeldet, was aber nicht zwingend notwendig ist. Wir öffnen jeden Werktag ab 8.30 Uhr und jeder, der sich für Geschichte interessiert, ob Schülerin oder Schüler, Studierende, Profihistoriker, Heimatforscher, Familienforscher, kann hier recherchieren.

H@S: Haben Sie auch Werke von Schumann?

Mauer: Ja, zu Schumann haben wir auch Unterlagen hier. Er war ja ein städtischer Angestellter. Wir haben Briefe von Clara und Robert Schumann, kurz bevor sie ankamen, als sie auf Wohnungssuche waren. Wir haben einen Beschwerdebrief von Schumann, weil es irgendwie in der Nähe seines ersten oder zweiten Wohnhauses eine Fabrik gab und ihn diese störte. Deshalb schrieb er diesen Beschwerdebrief, dass man bei dem Gestank nicht arbeiten könne.

H@S: Es gibt ja auch Sachen, die unwichtig und die wichtig sind. Wie unterscheiden Sie das denn eigentlich?

Mauer: Das ist eine Super-Frage. Ich habe eben schon gesagt, dass uns alle was anbieten, wir aber nicht alles übernehmen können. Deswegen gibt es die sogenannten „Bewertungsmodelle“. Personalakten sind sehr wichtig. Für sämtliche 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Düsseldorf, manche befristet beschäftigt, können wir natürlich keine Personalakten aufbewahren. Wir bewerten sie und können somit aus dem Bereich viele Akten wirklich entsorgen, bevor die überhaupt ankommen. Dann sagen wir den Kollegen, dass wir diese und jene Akten wollen oder nicht. Was dazu führt, dass wir im Grunde genommen, wenn man alles zusammen nimmt, 90-95% dessen, was uns angeboten wird, ablehnen. Wir versuchen uns ganz stark zu konzentrieren, damit man auf der einen Seite nachvollziehen kann, wie diese Stadtverwaltung gearbeitet hat, also ob richtig oder falsch. Wir forschen juristisch und historisch. Auf der anderen Seite dürfen wir aber natürlich nicht unser Magazin künstlich voll machen, deshalb bewerten wir. Es gibt Stellen, die wir komplett haben wollen, zum Beispiel aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Man kann sich vorstellen, dass er viel zu entscheiden hat. Er gibt in vielen Bereichen die Richtung vor, das wollen wir dementsprechend dokumentieren. Was wir überhaupt nicht brauchen, ist so etwas wie Anmeldebögen beim Straßenverkehrsamt. Also mich interessiert jetzt nicht, welche Kennzeichennummern vergeben wurden. Da reicht uns eine Statistik, die die Kollegen vom Verkehrsamt anfertigen und aus die Maus, gut ist´s. Deswegen bewerten wir ganz stark und müssen uns an die Gesetze halten. Da gibt es auch zum Teil Vorschriften, welche wir übernehmen müssen. Das ist eine zeitgebundene Entscheidung, vielleicht ist es in den 100 Jahren so, dass dann meine Nachfolgerinnen oder meine Nachfolger sagen `Gott, was hat der denn mit seinen Leuten für einen Mist gebaut. Der hat ja das völlig Falsche überliefert´.

H@S: Trotzdem gibt es sehr viele Materialien in ihrem Archiv.

Mauer: Es hört sich viel an, wenn ich sage, dass es einen Zuwachs von 150 bis 200 Regalmetern gibt. Aber wenn man sich vorstellt, dass die Stadt Düsseldorf 10.000 Verwaltungsmitarbeiter hat, welche nur städtische Angestellte sind. Das hat nichts mit der Landesregierung zu tun. Nur städtische Mitarbeiter, Jugend- und Sozialamt, Opern, Kulturamt, was weiß ich, was die pro Jahr produzieren. Wenn wir das alles übernehmen würden, da würden wir untergehen! Dann bräuchte ich 100 Mitarbeiter, um das zu erfassen. Wir müssen wie bei der Bücherei erfassen, was da drin steht, aber auch Titelaufnahmen machen, die uns erwarten. Wenn jemand etwas sucht und etwas finden muss, müssen wir dementsprechend die Sachen aufbereiten und diese in Datenbanken einstellen. Wenn wir eine Akte bekommen, müssen wir zumindest grob erfassen, was da drin steht.

H@S: Wie verschiebt sich das zwischen Papier und Digitalisierung?

Mauer: Wir sind dabei, ein rein digitales Archiv aufzubauen . Wir müssen die Sachen in ihrem Entstehungszustand übernehmen und es gibt Quellen, die wir schon übernommen haben, die es nur digital gibt. Anwohnermeldewesen werden nur noch digital erfasst, in Datenbanken. Das macht jetzt natürlich keinen Sinn, eine Datenbank auszudrucken, denn dann ist sie ja auch nicht mehr funktional. Das heißt, dass wir die Datenbank so übernehmen, wie sie auch ist. Wir müssen sie so sichern, dass niemand nachträglich was verändert, sprich: verfälschen kann. Auch Formate und Programme ändern sich. Dementsprechend müssen wir sie zugänglich machen, auch für zukünftige Generationen. Aber man muss sagen, wir übernehmen immer noch viele Unterlagen aus den 1970er und 1980er-Jahren aus den Behörden. Das heißt im Moment ist es noch nicht gekippt, dass wir mehr digitale Unterlagen als analoge bekommen, das wird sich aber, denke ich, in 30-40 Jahren ziemlich stark ändern. Es ist immer noch eine falsche Vorstellung, dass wir trotz aller Medienrevolutionen, die wir erleben, auf das Papier verzichten.

H@S: Alte Sachen angemessen zu erhalten, ist viel wichtiger, als sie digital zu bekommen oder nicht?

Mauer: Ja das stimmt. Diese berühmten 5% Material, die wir ins Archiv übernehmen, müssen auch auf Dauer hier bleiben. Das heißt nicht, dass ich entscheide, dass sie für 10 oder 20 Jahren hier bleiben, sondern für immer! Bin gespannt, ob es die in 1000 Jahren noch gibt, denn das werde ich nicht mehr mitkriegen. Da sehe ich mir die Rosen von unten an und bin nicht mehr im Magazin unterwegs. Aber nach der jetzigen Gesetzeslage wirklich auf Dauer. Es gibt auch Unterlagen, die wirklich bedroht sind, also Papier zum Beispiel. Es gibt säurehaltiges Papier, eher schlechtes Papier wie ein Zeitungspapier, das zersetzt sich aus sich selbst heraus. Über Klimatisierung kann man diesen Prozess ein bisschen verlangsamen oder man entsäuert es, das kostet aber viel Geld.

H@S: Was genau sind Ihre Aufgaben hier im Stadtarchiv?

Mauer: Ich bin der Leiter des Stadtarchivs. Wir sind hier 17 Leute im Haus, die sich darum kümmern, dass die verschiedenen Aufgaben, die ich gerade angerissen habe funktionieren. Das zu gewährleisten, ist meine Aufgabe. Auch repräsentiere ich das Haus nach außen. Ich bin jemand, der natürlich auch forscht. Es gibt ganz klare Aufträge der Stadt, Recherchen zu machen, Gutachten zu erstellen. Das kann bei Straßennamen losgehen. Im nächsten Jahr haben wir 70 Jahre NRW und 70 Jahre Landeshauptstadt, also es geht darum, dass ich da bestimmte Projekte koordiniere, die historischen Hintergrund haben. Also mein Bereich ist eher der Administrative, auf der einen Seite, dass das Haus läuft mit den ganzen Abteilungen, die es gibt. Und auf der anderen Seite die historische Forschung, also sowas wie die Auswertung und Betreuung von Benutzern, die sich hier anmelden und nach einer Doktorarbeit oder Anderem nachfragen. Und ich recherchiere dann für sie Materialien. Wenn Lehrer den Schülern eine Aufgabe geben, wie zum Beispiel eine Facharbeit über die Judenverfolgung in Düsseldorf zu schreiben, dann sage ich, dass das für eine Facharbeit völlig ungeeignet ist, weil es ein solch riesiges Thema ist, das man besser am heimischen PC über Internetsuchen erledigen kann. Stärker eingrenzen, damit die Leute mit den Originalen arbeiten. Und nochmal ganz kurz zu den Kolleginnen und Kollegen hier im Haus: Wir haben eine riesige Bibliothek, die auch durch jeden genutzt werden kann. Wir haben da noch die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Ämtern kurzschließen, wenn die Ablieferungen anstehen. Dann werden Materialien verzeichnet und zugänglich gemacht. Wir haben Kollegen, die nur Familienforschung oder Erbermittlungen machen. Wir nehmen keinen Eintritt dafür, dass man forschen will, es ist gratis. Kommen aber beispielsweise Erbermittler hierher und lassen das hier recherchieren, dann erledigen wir das für sie gegen Geld. Das sind so unsere Hauptaufgaben.

H@S: Vielen Dank, dass Sie sich für uns die Zeit genommen haben, um unsere Fragen zu beantworten.