Der Heine-Experte Dr. Jan-Christoph Hauschild im Interview mit der Redaktion
Der Heine-Experte Dr. Jan-Christoph Hauschild im Interview mit der Redaktion

H@S: Lieber Herr Hauschild, wir freuen uns, dass Sie für uns Zeit gefunden haben und wollen mit ein paar Fragen beginnen, die nicht unbedingt in jeder Biographie stehen. Zunächst einmal Heines Jugend: Wie ist er aufgewachsen, also unter welchen Umständen. Wie haben ihn beispielsweise seine Eltern erzogen?

Hauschild: Das sind gute Fragen, wichtige Fragen, auf die es leider keine ausreichenden Antworten gibt. Dies liegt daran, dass sich zu der damaligen Jahrhundertwende, 1800-1810, niemand dafür interessiert hat. Heine selber hat sein Leben nur im Nachhinein betrachtet. Er neigte nicht immer dazu die sachliche Wahrheit zu erzählen. Er erfindet, um seinem Leben nachträglich einen Sinn zu geben. Deshalb müssen wir das Geschriebene von Heine über seine Jugendjahre mit großer Vorsicht genießen. Er erfindet zum Beispiel Szenen aus der Schule, wie man sich über ihn lustig macht, als er erzählt, dass sein Großvater ein alter Jude mit einem langen Bart war. Ich glaube nicht, dass diese Szene so stattgefunden hat, aber er schildert dies als eine Art Schlüsselszene für sein späteres Leben. Wir können uns aber vorstellen, dass er damals den üblichen Anfeindungen ausgesetzt war, mit dem alle Juden zu kämpfen hatten. Dazu zählten Spott oder auch Diskriminierung.

H@S: Wie lebte Heine als er erwachsen war, vor allem in Bezug auf die Diskriminierungen?

Hauschild: In seiner Bonner Zeit war er quasi noch der Harry Heine aus Düsseldorf, der Sohn eines jüdischen Kaufmanns. Das brachte ihm Spott und Diskriminierung. Schon in seiner nächsten Station Göttingen hat er darauf verzichtet. Sein Vater sei ein christlicher Kaufmann in Düsseldorf und er selber Protestant von seiner Konfession her. Er hat also reagiert und sein Verhalten angepasst, sich verstellt; vor allem was seine jüdische Herkunft angeht. Dies zieht sich durch bis zu dem Zeitpunkt, an dem Heine schwer erkrankt. Dann gab es für ihn keinen Grund mehr das Judentum zu verleugnen.

H@S: Was für einen Lebensstandard hatte er? War er arm oder ist er zu Reichtum gekommen?

Hauschild: Man muss bedenken, dass man als Schriftsteller damals kaum von seinen Honoraren leben konnte. Er hatte aber noch andere Einnahmequellen wie seinen Onkel Salomon aus Hamburg. Dieser hatte nicht nur seine Ausbildung finanziert, sondern auch später eine Art Rente zu Lebzeiten gezahlt und sogar nach Heines Tod noch dessen Witwe unterstützt. Hinzu kam eine Pension der französischen Staatsregierung. Das lag daran, dass Heine als eine Art deutscher Flüchtling in Frankreich lebte. Zudem gab es eine Abmachung mit seinem Verleger aus Hamburg Julius Kampe über eine Gesamtausgabe zu Lebzeiten. Es gab also vier oder fünf verschiedene Einkünfte. Das hat ihm einen Lebensstandard ermöglicht, den wir heute als Obere-Mittelschicht oder Untere-Oberschicht bezeichnen können. Wir haben das mal ausgerechnet. Er hatte einen Lebensbedarf von um die 6000 € im Monat.

H@S: Kommen wir nun zu seiner Persönlichkeit. Was war Heine für ein Mensch? War er eher ernst, tiefgründig oder lebensfroh?

Hauschild: Sie stellen wirklich schwere Fragen. Bei Leuten die bereits 200 Jahre tot sind, ist das leider ziemlich schwierig.

H@S: Gibt es denn nicht Anhaltspunkte in seinen Schriften, aus denen man Rückschlüsse ziehen kann?

Hauschild: Das ist aber der Schriftsteller Heine und nicht der Mensch Heine. Über den Schriftsteller Heine wissen wir eine Menge, nur über den Menschen leider wenig. Nun bin ich selber sogar Biograph von Heine, aber ich würde mir niemals anmaßen zu sagen, ich kenne den Menschen Heinrich Heine. Heine war sehr klein, circa 1,54m. Ich glaube seine Kleinheit, seine Intelligenz und seine Spottlust – das hat eine Mischung ergeben, weshalb sich Heine sehr wortgewandt wehren konnte. Und obwohl er keine Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen hatte, war er dennoch jemand, der lieber zu den Worten gegriffen hat. Hinzu kam die jüdische Diskriminierung. Wenn man von klein auf dieses Mobbing erfahren hat, dann lernt man einfach, sich zu Wehr zu setzen. Das erklärt vielleicht auch die negativen Züge an seinem Charakter. Viele Leute haben Heine vorgeworfen, dass er extrem rachsüchtig und spottlustig war. Dann kommt noch hinzu, dass Heine in einer Gesellschaft aufwuchs, die er für kritikwürdig hielt. Er fühlte sich also berufen, dagegen anzugehen. So entwickelte er diese kritische Haltung und veröffentlichte diese auch. Das waren einmal die fehlende Emanzipation der Juden, aber auch die der Frauen. Auch für solche Dinge hat er sich eingesetzt.

H@S: Er hatte bekanntlich ja auch einige Fans. Beispielsweise Schumann, als dieser noch nicht so berühmt war und noch nicht den Höhepunkt seiner Karriere erreicht hatte. Was können Sie uns über dieses Treffen erzählen?

Hauschild: Leider gibt es nur die Schumann-Quelle. Das Treffen fand auf Grund des doch großen Altersunterschiedes in einer Schüler(=Schumann)-Meister(=Heine)-Situation statt. Der Schüler Schumann bewunderte den Meister Heine. Beide haben sich gut verstanden, da sie feststellten, dass sie beide eine Bewunderung für Napoleon hegten und es waren natürlich beides Künstlernaturen. Man hatte so gesehen also die gleichen Schwingungen. Heine hatte Schumann wahrscheinlich relativ schnell wieder vergessen, aber Schumann hatte ihn sich wieder in Erinnerung gebracht als er ihm später den Brief schriebt, welchem er die Vertonungen beilegte. Über irgendwelche komischen postalischen Hindernisse kamen diese Vertonungen nicht an und so konnte Heine nie schätzen, wie genial Schumann seine Werke vertont hat.

H@S: Wen würden Sie persönlich lieber kennen lernen? Schumann oder Heine?

Hauschild: Natürlich Heine, das ist ja ganz klar. Heine war ein unglaublich reicher Geist. Er hätte dieses Interview bestimmt einhundertmal reicher gestaltet als ich. Er hatte aber auch solide Grundkenntnisse, also das Wissen seiner Zeit. Mit ihm würde ich gerne mal in einer Talkshow sitzen, dass hätte mich bestimmt sehr viel weiter gebracht.

H@S: Zum Abschluss würden wir gerne wissen, wie Sie Heine in nur zwei Worten beschreiben würden?

Hauschild: Geistreicher Spötter.

H@S: Dann danken wir ihnen für dieses Interview, es war sehr informativ.