Der Pianist Tobias Koch
Der Pianist Tobias Koch

H@S: Guten Tag Herr Koch. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zum Thema “Schumann” zu beantworten. Zuerst einmal, inwiefern hat Schumanns Krankheit seine späteren Werke beeinflusst?

Koch: In Schumanns Düsseldorfer Kompositionen und Schriften erkenne ich keinerlei Anzeichen einer wie auch immer sich äußernden Krankheit. Vielmehr erspüre ich in seinen späten Werken den Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern, das Aufzeigen neuer künstlerischer Perspektiven – es gibt keinen Stillstand, es geht immer weiter bei ihm.

H@S: Wie unterschied sich Schumann von anderen Künstlern?

Koch: Er war ganz einfach alles andere als „Mainstream“. Sowohl als Musiker wie auch als Mensch ist er ganz einzigartig – eben ein großer Künstler, der sich mit jedem Werk immer wieder neu erfindet.

H@S: Und woher nahm Schumann seine Inspiration?

Koch: Er hat sich mit allem beschäftigt - und ihn hat alles angeregt, neben Musik ganz selbstverständlich auch Literatur, Bildende Kunst, Natur, nicht zuletzt sein Familienleben ... kurz, er hat sich zeit seines Lebens die Neugierde für Altes wie für Neues bewahrt. Schumanns musikalische Biographie ist nahezu untrennbar mit seinem Leben verbunden. Kreative Vorgänge finden zunächst vor allem im Unbewussten und Assoziativen statt. Reflexion und Ausarbeitung der Gedanken zeigen dann den Meister.

H@S: Wie ist Schumann mit dem Erfolg seiner Frau Clara Schumann umgegangen?

Koch: *lacht* Ja, er hat oft in ihrem Schatten gestanden - sie war ja die berühmteste Pianistin ihrer Zeit, und er ein nicht überall bekannter zeitgenössisch-moderner Komponist. Da gab es gerade am Anfang ihres Zusammenlebens viele Spannungs- und Reibungsmomente zwischen den beiden. Künstlerehen tragen oft etwas Gefährdetes in sich, und Roberts und Claras Liebe wird ja auch bis heute gerne stilisiert und bleibt eine Legende. Ich habe die beiden immer bewundert, sowohl in ihrer künstlerischen Unabhängigkeit wie auch in ihrem Mut zur Gemeinsamkeit.


Der Musiker Koch und die Originale

H@S: Schauen Sie sich Originale an, wenn Sie Stücke einstudieren?

Koch: Autographen sind höchstpersönliche Zeugnisse und offenbaren fast immer Geheimnisse. Ich finde es wunderbar und faszinierend, Handschriftenzu betrachten und zu studieren, wie hier in der Ausstellung des Heinrich-Heine-Instituts. Man vermeint immer auch ein Stück weit den Charakter des Schreibenden zu erkennen. Entscheidend für das Einstudieren eines neuen Werkes ist aber für mich zunächst die Durchsicht einer nach wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen erstellten Druckausgabe – also das, was hoffentlich der endgültigen Idee des Komponisten am nächsten kommt. Auf Autographenstudium ist man eher selten angewiesen. Der in diesem Zusammenhang oft auftauchende Begriff „Urtext“trägt im eigentlichen Sinne allerdings einen Widerspruch in sich.Es existieren oft sehr unterschiedliche Textstadien. Das reicht bei Schumann von Skizzen über Reinschriften, Überarbeitungen, Kopien bis zu noch während oder sogar nach dem Erstdruck vorgenommene Korrekturen. Insofern ist ein Original zwar immer „original“, besitzt aber nicht immer endgültige Relevanz.

H@S: Können Sie hier etwas erkennen? (siehe Bild: Belsatzar)

Koch: Auf den ersten Blick zunächst eine gut lesbare Notation, darunter danndie Textierung, natürlich auch von Schumanns Hand, also eine Vokalkomposition. Einzelne Wörter erkenne ich,aber Vieles ist mit ein Rätsel.Schumanns Handschrift ist nur sehr schwer leserlich. Ich empfinde seit jeher Hochachtung den Forschern gegenüber, die sich mit Geduld und Akribie, vor allem aber mit viel Erfahrung ihrer Entzifferung widmen.

H@S: Bekommen Sie durch Originale mehr Erkenntnisse über das Stück als durch eine Druckvorlage?

Koch: Ein Autograph wirkt unmittelbar, wie eine Momentaufnahme. So etwas besitzt durchaus auch einen sentimentalen Wert: Eine Art Verbindung zu dem Menschen, wie wenn man einen alten Brief von seinem Urgroßvater betrachtet. Dieses persönliche Verbindungsmoment wird man bei Ansicht einer Druckvorlage eher nicht spüren. Ich sammle Faksimiles und habe auch einige Autographen erwerben können. Grundsätzlich gehören Autographen an einen Ort wie diesen, ins Heinrich-Heine-Institut, wo geforscht wird. Hier kann dann nach bestem Wissen und Gewissen untersucht und verglichen werden. Gute Druckausgaben dokumentieren alle aus den Quellen gewonnenen Erkenntnisse in einem beiliegenden kritischen Bericht. Sie lassen auch Platz für eigene, aufführungspraktische Entscheidungen anhand der Kommentare der Herausgeber.

H@S: Sind Sie manchmal unsicher beim Gebrauch von Druckausgaben?

Koch: Ja gewiss! Immer wieder bin ich mit Fragestellungen konfrontiert, vor allem dann, wenn Herausgeber-Entscheidungen undeutlich bleiben. Dann wird man selbst zum Forscher und sucht und findet in Autographen und Fachliteratur nach Lösungen: Ich fühle mich immer dem Werk und dem Komponisten gegenüber verpflichtet!

H@S: Hat sich die Notenschreibweise verändert?

Koch: Nein, man kann die Noten „eins zu eins“so transkribieren, wie sie vom Komponisten aufgeschrieben wurden. Allerdings gleichen Transkription und Rekonstruktion manchmal einem komplizierten Kriminalfall, es kann echte Detektivarbeit sein: Textkritische Arbeit bleibt immer spannend. Und am Ende muss man sich sowohl als Herausgeber wie auch als ausführender Musiker für eine gültige Lösung entscheiden.

Vielen Dank Herr Koch.